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Uhland: Frühlingsglaube

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Interpretation: Frühlingsglaube

Dieses Gedicht zu verstehen, ist nicht weiter schwer. Das Gefühl von Aufbruch aus dem tristen Winter, der auch im Gemüt seine Spuren hinterlässt, ist ein weit verbreitetes Phänomen. Ähnlich wie bei Mörikes Er ist’s, das etwas leiser angelegt ist, will ich hier vor allem die Bauweise zeigen, die diesem Gedicht zur vollen Entfaltung verhilft.

Das Metrum ist bestimmt durch den gleichmäßigen Wechsel von Senkungen und Hebungen, beginnend mit einer gesenkten Silbe, also ein Jambus. Nur in den ersten Versen sind mal zwei Senkungen eingestreut. Eine Besonderheit hat der jeweils dritte Vers der beiden Strophen: Er ist dreihebig im Gegensatz zu den vierhebigen anderen Versen. Die meisten Verse enden auf einer Hebung (männliche Kadenz), wobei auch die Betonung zum Ende hin ansteigt. Uhland nutzt den für sechszeilige Strophen typischen Schweifreim, heißt: Vers drei und sechs reimen jeweils, die anderen Verse sind als Paarreim gestaltet. Die Wiederholung des Schlussverses als Refrain ist die offensichtlichste von den vielen, vielen Verdoppelungen des Gedichtes. Das ist von seiner Bauweise auch das Hauptthema: die Verdoppelung. Fängt man erst mal an, sie im Text zu suchen, will der Reigen gar nicht enden. Und was passte besser zum Frühling als Verdoppelung, Vervielfachung?

Ein Blick zum Anfang und Ende der Verse offenbart schon viele Verdoppelungen von Wörtern und Vokalen mit der besonderen Pointe, dass die Reimwörter des Schweifreims „enden“ und „wenden“ in sich das „en“ doppeln.

Mehr Verdoppelungen: Die „linden Lüfte“ verdoppeln den Anfangsbuchstaben, macht einen Stabreim (Alliteration). Vers zwei und vier verwenden jeweils gleiche Konstruktionen im ersten und zweiten Teil des Verses; in Vers zwei sogar auf Kosten einer Abweichung vom strikten Jambus. Vers zwei und drei warten mit Assonanzen auf: „Tag“ und „Nacht“ sowie „schaffen“ und „allen“, d.h. gleiche Vokale, die dazwischen liegenden Konsonanten verhindern einen reinen Reim, die Konstruktion geht aber als Halbreim durch. Der Refrainvers hat gleich zwei Doppelungen. Das u zu Beginn und natürlich „alles, alles“.

Nur Vers fünf bietet nichts dergleichen. Dafür aber eine Akzentverschiebung. Die Betonung liegt ausnahmsweise auf der ersten Silbe, wofür die eigentliche Hebung auf der zweiten gedrückt wird. Der Sinn dieser Abweichung liegt im Wechsel von der Beschreibung der Natur zur Ansprache eines Gegenübers oder des lyrischen Ichs. Wer mit „armes Herze“ angesprochen wird, bleibt unklar. Das hat den Vorteil, dass sich der auch der Leser angesprochen fühlen kann.

Der erste Vers der zweiten Strophe bietet eine gewisse Atempause bei den Doppelungen. "Welt wird" gilt trotz gleichem Anfangsbuchstaben nicht als Alliteration, weil „wird“ keine Hebungssilbe innerhalb des Metrums ist. Doppeln tut sich das w trotzdem, und wenn man sich das „Die“ anschaut, das den Anfang des allerersten Verses doppelt sowie die Hebungen in Vers zwei „weiß“, „was“, „wer(-den)“, die astrein Alliterationen bilden, dann schafft der erste Vers der zweiten Strophe Verbindungen. Bei Vers drei ist es ähnlich. Das „will nicht“ nimmt das „weiß nicht“ aus dem Vorvers auf, „Blühen“ geht dem „blüht“ im Vers danach voran. Schließlich bietet Vers vier einen verdoppelten Superlativ, bevor dann die Schlussverse fast komplett jene von Strophe eins wiederholen.

Bevor ich dazu komme, wofür diese Verdoppelungen und engen Verzahnungen gut sind, noch ein inhaltlicher Aspekt: Das Gedicht beginnt sehr intim. Die „linden Lüfte“ spürt man auf der Haut. In Vers vier erweitert sich das Sinnenspektrum zu Geruch und Klang, aber beides sind Wahrnehmungen, die noch aus der Nähe kommen. Erst die zweite Strophe öffnet über das Visuelle („Blühen“) die Weite bis ins „fernste, tiefste Tal“, wobei Letzteres kein tatsächlicher sinnlicher Eindruck mehr ist, sondern die innere visuelle Phantasie anspricht.

Nehme ich die sprachlichen und sinnlichen Mittel zusammen, dann höre ich Musik. Eine der Ideen der Romantiker, zu denen Uhland zählte, waren die Klanggedichte. Gedichte, die nicht unbedingt Sinn ergeben mussten, sondern Klänge erzeugten, die an Musikinstrumente erinnerten. Dieses Gedicht ist sicher kein solches Klanggedicht, aber stelle ich es mir als ein Stück klassischer Musik vor, höre ich zunächst bei den „linden Lüften“ ein schüchternes, einsames Blasinstrumente wie Flöte oder Klarinette. In Vers vier setzen dann die Streicher ein und bis zum Schluss der ersten Strophe wird die Musik flotter. Aber noch ist vielleicht nur ein Drittel des Orchesters beteiligt. Strophe zwei bringt die Bläser ins Spiel („wird schöner mit jedem Tag“), das Tempo steigert sich (die Weite kommt hinzu) bis in Vers vier (doppelter Superlativ!) das gesamte Orchester unter vollen Segeln dahinsegelt. Das ist der Zeitpunkt, wo man als Zuhörer eine Gänsehaut bekommt. Dann ein kurzes tragisches Zwischenspiel der Streicher in Vers fünf und schließlich das dramatische Finale („alles, alles“) und Ausklang („wenden“). Für einen kurzen Moment liegen die Zuhörer im Saal ermattet in ihren Stühlen, dann reißt es sie hoch: donnernder Applaus.

Gut, ich gebe zu, den Saal mit den Zuhörern habe ich erfunden, das kann ich beim besten Willen nicht aus dem Gedicht herauslesen. Aber dass Uhland dieses Gedicht wie ein Stück klassischer Musik komponiert hat, das kann ich vertreten. Und selbst wenn mir jemand dabei nicht folgen will, so bleiben immer noch die Verdoppelungen innerhalb der Verse und über die Strophengrenzen hinweg, die Steigerung in der sinnlichen Wahrnehmung von der Nähe zur Ferne. Objektiv betrachtet muss es jemandem, der krank ist, Geldsorgen oder Liebeskummer hat, nicht besser gehen, nur weil es Frühling wird, aber da in der Natur wie in diesem Gedicht alles mit allem zusammenhängt und wir ein Teil dieser Natur sind, bekommt das Leben wieder eine weite Perspektive: „Nun muss sich alles, alles wenden“. Das ist der Frühlingsglaube.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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