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Gryphius: Menschliches Elende

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Interpretation: Menschliches Elende

Die Version hier wurde von mir modernisiert und mit einer Stropheneinteilung versehen. Die Originalversion aus dem Jahr 1658 finden Sie bei Wikisource.

Die Interpretation des Gedichtes Menschliches Elende ist im Prinzip einfach: Ein Sonett im Alexandrinerbaustil, das die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens beklagt. Fertig. Das Nächste, bitte.

Wie immer, wenn etwas zu einfach ist, muss ein Haken dran sein. Auch dem Dichter war klar, dass er schon wieder ein Sonett über die Vergänglichkeit des Lebens ablieferte. Also musste er etwas liefern, was andere Gedichte nicht haben. Und was war das? Mal schauen:

Die formalen Dinge bieten bis auf eine Kleinigkeit keine Überraschung. Das Sonett besteht aus zwei Vier- und zwei Dreizeilern. Die Quartette haben einen umarmenden Reim (abba), die beiden Terzette sind durch einen Schweifreim verbunden (ccd eed). Umarmender und Schweifreim enden bei der vorletzten Silbe mit einer Hebung, der noch Senkung folgt, haben also eine weibliche Kadenz; die anderen Reime enden auf eine Hebung, männliche Kadenz. Das Metrum wechselt regelmäßig Senkung und Hebung, ist also jambisch. Die hier verwendeten sechshebigen Verse mit einer Pause (Zäsur) nach der dritten Hebung nennt man Alexandriner.

Nur eines ist seltsam: Der fünfte Vers scheint eher zur ersten als zur zweiten Strophe zu gehören. Er fasst den Inhalt der ersten Strophe zusammen, aber in der zweiten Strophe geht es eigentlich nur um die bereits Verblichenen. In wie weit System dahinter steckt, will ich noch zeigen, doch dafür muss ich zuerst mal inhaltlich tiefer ins Gedicht einsteigen:

Das Gedicht beginnt mit einer rhetorischen Frage, bei der ein „wir“ gesetzt wird, womit implizit ein lyrisches Ich erschaffen wurde. Ziel ist, den Leser ins Gedicht einzubeziehen und sich mit ihm zu verbrüdern: Wir sitzen alle in einem Boot.

Nach der rhetorischen Frage folgt ein Bombardement mit Metaphern. Und obwohl Gryphius den in zwei Hälften auseinanderfallenden Alexandriner voll ausreizt, um den Leser gar nicht zur Ruhe zu kommen lassen, ist etwas an diesen Metaphern seltsam. Sie führen allesamt vom Menschen aus Fleisch und Blut weg, der Mensch ist Wohnhaus, Ball, Irrlicht, Schauplatz, Schnee, Kerze. Ist irgendeine Metapher dazu angetan, das menschliche Elend besonders drastisch zu verdeutlichen? Vielleicht das Wohnhaus, das Schmerzen hat? Der Mensch ist gar nicht richtig da, er ist nur Objekt, in dem, auf dem, mit dem etwas gemacht wird. Von wem?

In der zweiten Strophe folgt der erste Vergleich, der sich immer noch auf die rhetorische Frage zu Beginn bezieht. Damit verkettet Gryphius Strophe eins und zwei. Und mehr noch: In der nächsten Strophe gibt es gleich zwei Vergleiche und die letzte endet mit einem. Dies ist eins der Mittel, mit dem Gryphius die Strophen eng aneinander bindet.

Trotzdem bieten die Strophen zwei und drei dem Leser eine Atempause, denn beide Strophen nutzen Zeilensprünge, um einen längeren Satz auf drei Zeilen zu verteilen. Was das lyrische Ich mitteilt, ist jedoch niederschmetternd. Die vorangegangenen Generationen sind schnell vergessen, die „unsere“ trotz aller Meriten ebenfalls. Allerdings bleibt Gryphius bei seiner Bildersprache, die nicht wirklich von Leiden und Elend erzählt. Der Mensch ist nur mit einem Leib bekleidet, sein Sterben ein Eintrag in ein Buch, all sein Streben ein eitler Traum, wobei eitel damals auch im Sinne von vergeblich, vergänglich oder nutzlos verstanden wurde.

Wie ein Fehler sieht die Satzkonstruktion in Vers acht aus „... sind, sind ...“. Das Gleiche fabriziert Gryphius kurz vor Schluss in Vers 13 und verbindet dadurch beide Strophen. Ich meine, damit wird die Aussichtslosigkeit, die endlose Wiederholung des immer gleichen menschlichen Schicksals betont. Es gehört natürlich eine gesunde Portion Selbstbewusstsein als Dichter dazu, diese bewussten Verstoß gegen sprachliche Eleganz zu begehen.

In der letzten Strophe nimmt Gryphius wieder die Kurzatmigkeit der zweigeteilten Verse aus Strophe eins auf und setzt sich wiederholende Versanfänge ein (Anapher), um die Eindringlichkeit zu steigern. Auch die nachwachsende Generation wird nicht verschont in dem Gedanken an ihr baldiges Ende. Das Gedicht schließt, wie es begonnen hat: Mit einer rhetorischen Frage. Und wenn man die ganze Ausweglosigkeit und Vergeblichkeit des menschlichen Lebens, die dem Leser bis dahin demonstriert wurde, bedenkt, dann scheint die Antwort auf die rhetorische Frage als letzte Steigerung gemeint zu sein. Rauch, nichts als verwehter Rauch bleibt am Ende.

Allerdings kann man die Schlussantwort auch anders verstehen. Für einen gläubigen Christen war das Leben im 17. Jahrhundert und auch noch später nur eine Zwischenstation auf dem Weg ins Jenseits zu Gott. Und auf diesem Gedankengang baut Gryphius eigentlich die ganze Zeit auf, wenn er nicht das Elend in Fleisch und Blut schildert, sondern den Menschen als Hülle darstellt, als Objekt, das auf der Erde hin und her gerissen wird von ... ja, von wem? Auch das ist für einen Christen jener Zeit leicht zu beantworten: von Gott.

So kann man den letzten Vers auch als Trost oder sogar Verheißung interpretieren. Nach all der Vergeblichkeit des menschlichen Daseins, und Gryphius hat die Strophen darüber fest verbunden, vereinigt sich die Seele gleich dem Rauch von einer stärkeren Macht aufgelöst mit dem Nichtsichtbaren. Der Vers „Was sag ich? ...“ wäre also eher in dem Sinne zu verstehen als „Was red ich hier? Am Ende werden wir erlöst“. Dafür spricht auch der sanfte Ausklang des Verses mit der Zäsur nach „vergehn“ und dem Schlussreim „Winden“.

Das Besondere an diesem Gedicht wäre bei dieser Interpretation folglich, dass Gryphius zwar ein ganzes Arsenal an Metaphern und Vergleichen auffährt, die die menschliche Existenz als elend und nichtig erscheinen lassen, aber schlussendlich diese Nichtigkeit von ihm bejaht wird als Zwischenstation auf dem Weg in den Himmel, ohne dass Gott oder der Himmel oder das Jenseits oder das Paradies überhaupt erwähnt werden.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Beim Lyrikschadchen wird eine Interpretation aus einem Grundkurs Deutsch präsentiert. Da die Seite anscheinend von einem Lehrer erstellt wurde, muss sie gut sein.

Auf Leistungskursniveau ist eine Interpretation in einem Blog.

Beide Interpretationen weichen von meiner hier ab. Wer also auf Nummer sicher gehen will, ist mit den Ansätzen dort vielleicht besser bedient.