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Hölderlin: Hälfte des Lebens

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Interpretation: Hälfte des Lebens

Das Schöne an diesem Gedicht ist: Man kann es verstehen, ohne es zu verstehen. Lässt man einige etwas seltsame Formulierungen einfach als die überkandidelte Art des Dichters stehen, ohne sie zu hinterfragen, hat man ein Gedicht zur Hälfte des Lebens: Ein schöner ausklingender Sommer und nun droht der Winter.

Steigt man jedoch in die Tiefen der Wortbedeutungen und Symbole hinab, scheint das Graben in immer tieferen Interpretationsschichten kein Ende zu nehmen. Ich konzentriere mich auf die Themen Gedichtaufbau und Wortbedeutungen. Vertiefungen und Ergänzungen finden sich in den Webtipps unten.

Beim formalen Aufbau scheint nicht viel herauszuholen zu sein für eine Interpretation – kein Reim, unregelmäßiges Metrum –, und doch erklärt das metrische Gerüst, warum das Gedicht so klingt, wie es klingt.

Zunächst ist zu sagen, dass Hölderlin sich freier Rhythmen bedient, was bedeutet, dass sich der Satzbau nicht mehr den Versen bzw. dem Metrum unterordnet, sondern die Verse nur noch dienende Funktion haben, indem sie Satzteile aufnehmen, wie sie der Dichter anzuordnen wünscht. Das ist nicht unbedingt bequemer für den Dichter, weil seine Verantwortung für die Verse mit der Freiheit, die er sich einräumt, wächst. Oder anders gesagt: Die Einteilung sollte Sinn und Verstand haben. Gleiches gilt für das Metrum: Mehr Freiheit bedeutet auch mehr Sorgfalt. Hebungen müssen möglichst eindeutig sein, man kann nicht wie sonst in regelmäßigen Versen auch mal eine schwächere Hebung mitschleppen, und auch die metrische Struktur sollte einen gestalterischen Willen erkennen lassen, nicht beliebig sein. Wie ist das nun bei Hölderlin und seinem Gedicht Hälfte des Lebens?

Der Titel selbst ist interessant, weil sein Metrum ein adonischer Vers ist: XxxXx. Adonis war der Gott der Schönheit bei den alten Griechen und er nahm kein gutes Ende. Die Bezeichnung adonischer Vers rührt vom Metrum des Klagerufs „Armer Adonis!“ (griechisch O ton Adonin) in den Klageliedern zum Tod von Adonis her [Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, S. 1]. Das könnte Zufall sein, doch auch die letzte Zeile des Gedichte ist ein adonischer Vers, und da Hölderlin mit der griechischen Antike auf Du und Du stand, wird Absicht dahinter stecken, um auf das Thema Schönheit und Tod hinzuweisen.

Die ersten beiden Verse sind noch völlig regelmäßig im Metrum: xXxXxXx. Es wechseln sich Senkung und Hebung ab (Jambus), am Ende steht eine unbetonte Silbe (weibliche Kadenz), die beim Zeilensprung einen weichen Übergang zur nächsten Zeile schafft. Im dritten Vers beginnen die Unregelmäßigkeiten. Das Hebungsschema xXxxX führt mit fallender Betonungstendenz und der Hebung am Ende zu einem Schlusspunkt. Die seltsame Formulierung „hänget ... das Land in den See“ ist nach Ulrich Knoop vom Projekt Klassikerwortschatz (Link siehe unten) eine damals noch gebräuchliche Beschreibung für einen Abhang, der hier im See mündet.

Hans-Dieter Gelfert hat in Wie interpretiert man ein Gedicht? (Reclam 1994) gezeigt, dass die Vokalanordnung der ersten beiden Verse wichtig ist für ihre Lebendigkeit, indem er als Gegenbeispiel „Mit gelben Äpfeln hänget / und voll mit roten Rosen “ verwandte. Diese Version klingt wesentlich flacher, weil die i-Höhepunkte fehlen.

Der vierte Vers knüpft vom Metrum her an die ersten beiden an, hat nur einen Versfuß (=Hebung+Senkung) weniger. Und obwohl nach der dritten Zeile eigentlich ein Punkt zu erwarten gewesen wäre, führt Hölderlin den Satz mit der Anrufung der Schwäne fort. Gleichzeitig ist diese Anrufung aber auch eng verknüpft mit den folgenden Versen. Er ist sozusagen die Brücke zwischen den beiden Strophenteilen.

Inhaltlich wird es ab jetzt stark symbolisch, ohne dass es intuitiv verständlich ist. Wenn die Stimme des Gedichts Schwäne anspricht, sind eigentlich Dichter gemeint, denn seit der Antike gilt der Schwan als Symbol des Dichters. Damit werden die nächsten Verse erklärlich: Die Küsse als Musenküsse, die ungewöhnliche Bezeichnung Haupt für einen Schwanenkopf und das heilignüchterne Wasser. Thomas Gräff (Lyrik von der Romantik bis zur Jahrhundertwende, Oldenbourg Interpretationen Band 96, S. 26) erklärt den Begriff heilignüchtern so: „Mit diesem greift Hölderlin einen Topos der klassischen Dichtung auf: Sobria ebrietas nannte man die rhetorische Figur dort und sie bedeutete die Verbindung von Begeisterung und Besonnenheit“. Also könnte man den zweiten Teil der ersten Strophe prosaisch so übersetzen: Ihr geneigten Dichter, wenn ihr von den Musen geküsst euch ans Werk macht, dann tut ihr es in einer Mischung aus heiligem Rausch und handwerklicher Arbeit.

Bleibt man in der zweiten Strophe innerhalb des Dichter-Bildes, bekommt der Ausruf „Weh mir“ eine ganz andere Bedeutung, als wenn man ihn nur als Bangen vor dem kommenden Winter des Lebens versteht. Hölderlin gibt sich alle Mühe durch Satzbau und Metrum die vier ersten Verse so stotternd wie möglich herüberzubringen: Satzeinschübe, ein Komma, wo keines hingehört, stets betonte Versenden, die Pausen herausfordern, und die vielen W-Wörter tun ein Übriges. Angelehnt an die Symbol-Erläuterungen von Ulrich Knoop vom Projekt Klassikerwortschatz (Link siehe unten) würde ich die Verse etwa so übersetzen: Weh mir, wie soll ich Gedichte schreiben (Symbol: Blumen), wenn Zeit dafür ist (Winter), mir es aber dafür an Erleuchtung/Einfällen (Sonnenschein) und der nötigen Muße/inneren Ruhe (Schatten der Erde = Nacht) fehlt? Hier wird das Prinzip des Begriffes heilignüchtern wieder aufgenommen.

Die letzten drei Verse erklären, warum das lyrische Ich fürchtet, keine Gedichte mehr zustande zu bekommen. Ulrich Knoop erläutert die beiden vorletzten Zeilen so: „Die Mauern sind deshalb kalt, weil die Feuer erloschen sind. Und diese Mauern sind sprachlos, weil die Häuser nicht von der Sprache der Menschen erklingen.“ Auch das Klirren der Fahnen, mit denen metallische Wetterfahnen gemeint sind, soll nach Ulrich Knoop ein Geräusch sein, dass man nur hört, wenn sich Fahnen im Wind bewegen und es gleichzeitig sehr still ist. Das lyrische Ich fürchtet also sein dichterisches Verstummen aufgrund seiner Isolation. Damit ergibt sich eine ganz andere Schlussfolgerung, als wenn man lediglich das Gegensatzpaar Sommer-Winter zur Hand hat. Allerdings ergibt sich auch die Frage: Ist Hölderlin Schuld, dass moderne Dichter gerne ihre Gedichte in einem verschlüsselten Code schreiben? Wäre ein bisschen mehr Rücksicht auf unsere bescheidenen Geisteskräfte als Leser nicht besser?

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Der mehrfach erwähnte Ulrich Knoop hat einen ehrfurchteinflößenden, beinahe 20 Seiten langen Artikel über „Hälfte des Lebens: Wortgeschichtliche Erläuterungen zu Hölderlins Gedicht“ geschrieben. Die ausgiebige Auseinandersetzung mit dem Titel habe ich hier noch gar nicht erwähnt.