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Goethe: Willkommen und Abschied

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Interpretation: Willkommen und Abschied

Vorbemerkung: Dies ist die späte Fassung des Gedichtes, die mehr als ein Jahrzehnt nach der Erstveröffentlichung von 1775 erschien.

„‚Es schlug mein Herz …’ ist das erste vollkommene Erlebnisgedicht des jungen Goethe, das diesen epochal beherrschenden Gedichttypus begründet.“
(Gerhard Kayser, Geschichte der deutschen Lyrik von Goethe bis zur Gegenwart I: Von Goethe bis Heine, Insel Verlag, Frankfurt/Leipzig 1996, S. 68)

Erlebnisgedichte werden heute nicht mehr als etwas Besonderes wahrgenommen. Doch bis weit ins 18. Jahrhundert bestand die Kunst des Gedichtes vor allem darin, immer wieder die gleichen Themen wortkünstlerisch auszustaffieren. Man denke nur an die zahlreichen Vergänglichkeits-Sonette des Barock. Die Erfahrungen eines Ichs im Gedicht standen nicht für eine individuelle Person, sondern blieben verallgemeinerungsfähig. (vgl. Kayser, Geschichte der deutschen Lyrik …, S. 70f)

Mit dem Erlebnisgedicht aus der Epoche von Sturm und Drang rückt die individuelle Erfahrung, das individuelle Erlebnis eines Ichs in den Vordergrund. Allerdings heißt das nicht, dass hier biographische Erlebnisse aufgearbeitet werden:

„Das Erlebnisgedicht tut alles, um ein Erlebnis zu Wort zu bringen und zu elaborieren [auszuarbeiten], das es ohne Gedicht nie gegeben hätte und nie geben könnte. Denn das Erlebnisgedicht vergegenwärtigt keine dem Gedicht vorausgehenden Erlebnisse; es schafft das Erlebnis, das es ausspricht.“
(Gerhard Kayser, Geschichte der deutschen Lyrik …, S. 68)

Auch Realismus ist nicht beim Erlebnisgedicht verlangt. Vielmehr wird das Erlebnis dem Leser in den Grenzen der formalen Mittel von Vers, Metrum und Reim vorgestellt, die nicht so realitätsnah sein können wie ein Prosatext, „aber immer hat der Vers die Kraft, uns Dinge als ‚in Ordnung’ erscheinen zu lassen, die uns in der Prosa völlig auseinander brächen.“ (Wolfgang Kayser, Kleine deutsche Versschule, Francke Verlag 1999 (26.Aufl.), S. 12)

Diese literarischen Einordung möchte ich nun am Gedicht überprüfen und weiter ausführen. Doch zuerst zum formalen Rahmen:

Die Verse beginnen in der Regel (Ausnahmen in der dritten Strophe) mit einer Senkung und wechseln dann zwischen Hebungen und Senkung, folglich ein Jambus. Jeder Vers hat vier Hebungen, die Versenden wechseln zwischen Schlusssenkungen und -hebungen, also zwischen weiblicher und männlicher Kadenz. Die Reime sind nicht immer ganz sauber, was in diesem Fall jedoch mit dem Inhalt zusammenspielen könnte, womit ich beim eigentlichen Thema wäre:

Schon der Titel verspricht eine Reduzierung auf entscheidende Gefühlserlebnisse: „Willkommen und Abschied“. Man könnte auch sagen „Anfang und Ende“ oder „Geburt und Tod“. Im Gedicht selbst gibt es einen zweistrophigen Vorspann vor dem „Willkommen“, der sehr spannungsgeladen ist.

Geschildert wird der nächtliche Ritt des lyrischen Ichs. Da im Gedicht die Vergangenheitsform genutzt wird, handelt es sich um eine Erinnerung. Diese jedoch überwältigt das lyrische Ich derart, dass die ersten zwei Verse einen stakkatoartigen Anstrich haben, der durch eine starke Zäsur in der Mitte des Verse entsteht.

Auch sonst macht die erste Strophe einen überhasteten Eindruck: Das zweimalige „schon“ wirkt unelegant, der Reim von „Eiche“ auf „Gesträuche“ nachlässig. Da Goethe sich erwiesenermaßen mehr als zehn Jahre Zeit gelassen für die vorliegende Version, ist nicht der Akt des Schreibens unüberlegt, sondern die Unsauberkeiten fügen sich ins Gesamtbild einer atemlos vorgetragenen Erinnerung.

Dieses Zusammenwirken von Form und Inhalt intensiviert die Unmittelbarkeit des Erlebnisses. Die vollendete Form eines Gedichtes ist nicht mehr in der künstlerischen Ausfüllung der formalen Bestandteile zu sehen, sondern in der Verstärkung des Gefühlsausdrucks durch die formalen Mittel des Gedichtes. Auch das ist typisch für das Erlebnisgedicht. (vgl. Gerhard Kayser, Geschichte der deutschen Lyrik …, S. 62f)

Von Mitte der ersten Strophe bis zum fünften Vers der zweiten beschreibt das lyrische Ich, wie es den nächtlichen Ritt erlebt hat. Die Nacht wird in erster Linie als bedrohlich empfunden von „hundert schwarzen Augen“ bis „tausend Ungeheuer“. Diese an sich schon nicht sehr realistische Beschreibung kann man als Ausdruck der psychologischen Verfassung des lyrischen Ichs lesen. Der hier schon einige Male zitierte Gerhard Kayser liest daraus einen Vater-Sohn-Konflikt (vgl. Gerhard Kayser, Geschichte der deutschen Lyrik …, S. 63f). Ich würde hier eher auf die typischen Unsicherheiten und Ängste eines Liebenden tippen, was auch kurz nach der Begegnung des Paars im letzten Vers der dritten Strophe noch mal angerissen wird: „Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht!“

Im Gegensatz dazu steht das Selbstlob in den letzten drei Versen der zweiten Strophe. Das lyrische Ich rückt sich damit auf zweierlei Weise in den Vordergrund. Einmal wird die Unterscheidung zwischen dem erinnerten und dem erinnernden Ich deutlich. Gelobt wird der Mut des erinnerten Ichs. Da trotzdem auch etwas von dem Lob für das gegenwärtige Ich übrig bleibt, und Selbstlob sicher schon damals gestunken hat, zeigt das Sichhinwegsetzen über Konventionen wieder, wie mitgerissen das erinnernde Ich von seiner Geschichte ist. Zusammen genommen gibt dieser Einschub dem lyrische Ich einen Authentizitätsschub als Individuum, und um das Individuelle soll es ja im Erlebnisgedicht gehen.

Die Ankunft bei der Geliebten ist ein besonderer Einschnitt. Der Satz vom ersten Vers der dritten Strophe bis zum vierten beginnt und endet mit „dich“. Das heißt aber auch, es gibt einen „lyrischen Zuhörer“, dem die Rede des lyrischen Ichs eigentlich gewidmet ist. Der Leser wird damit zum Mithörer, der zwei Liebende, die in Erinnerungen schwelgen, belauscht. Dies koppelt das lyrische Ich als eigenständige „Person“ vom Leser ab, dem die Möglichkeit erschwert wird, gedanklich in die Rolle des Ichs zu schlüpfen, sich damit zu identifizieren. Diese Identifikationsmöglichkeit ist ja eigentlich – genau wie in einer Erzählung – das Angebot eines lyrischen Ichs.

Auch formal wird der Einschnitt deutlich gemacht. Die drei ersten Verse beginnen allesamt mit einer Hebung. Das Schema der ersten beide Takte ist nicht mehr xXxX, sondern XxxX, eine Akzentverschiebung.

„Ein rosenfarbnes Frühlingswetter“ in Vers fünf ist eine seltsame Formulierung, da es doch Nacht ist. Das könnte man als poetische Umschreibung betrachten. Ein so künstlicher Ausdruck passt aber eigentlich nicht zum Stil der dritten Strophe. Näher liegt der Verdacht, dass die Erinnerung dem lyrischen Ich einen Streich spielt und er ob der aufwühlenden Begegnung mit der Geliebten alles in einem rosaroten Licht sieht.

Wie der Titel versprach, folgt sogleich nach dem Willkommen der dritten Strophe der Abschied in der vierten. Auffällig ist, dass der meiste Raum dieser Strophe dem Schmerz des lyrischen Du gewidmet ist, als ob das lyrische Ich daran erinnern wollte, wie die Liebste ohne ihn leiden müsste bzw. ohne ihn in der Vergangenheit gelitten hat. So wäre dann das Schlussfazit der letzten beiden Verse auch als Appell zu lesen. Das lyrische Du soll daran denken, wie großartig es ist, zu lieben und geliebt zu werden.

Von der Interpretation des Schlusses aus gelesen, erscheinen Selbstlob am Ende von Strophe zwei und die Bescheidenheit am Schluss von Strophe drei in einem etwas anderen Licht. Nun lesen sie sich als strategische Äußerungen, die die Qualitäten des lyrische Ichs der Geliebten vor Augen führen sollen.

Diese Sichtweise würde auch zu der Betonung des Individuellen im Erlebnisgedicht passen. Das Gedicht entpuppt sich als ein Appell eines ganz bestimmten Individuums an ein anderes. Dass beide nur fiktiv sind, ist dabei völlig nebensächlich, es kommt nur darauf an, dass der Dichter Inhalt und Form des Gedichtes so verschmelzen lässt, dass sie einer bestimmten individuellen Kommunikationssituation gerecht werden. Dies macht das Gedicht im doppelten Sinne zu einem Erlebnis für den Leser.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Eine gute Ergänzung ist die Auflistung rhetorischer Mittel des Gedichtes, ein Thema, das ich wegen der Konzentration aufs Inhaltliche vernachlässigt habe.