Unterm Lyrikmond

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Keller: Winternacht

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Interpretation: Winternacht

Nachdem ich das Gedicht zum ersten Mal las, ging es mir wie dem lyrischen Ich: Das Bild von der Nixe unterm Eis wollte mir nicht mehr aus dem Sinn. Möglicherweise liegt das dran, dass Gottfried Keller mit dem Gedicht mehr im Sinn hatte als über eine Winternacht zu schreiben. Schauen wir mal:

Die Formalien:
Metrum des Gedichts ist ein Trochäus: Beginnend mit einer Hebung wechseln bei den Silben Hebungen und Senkungen regelmäßig im Zweiertakt. Jeder Vers hat fünf Hebungen, wobei ungewöhnlicherweise auch am Schluss durchgängig eine gehobene Silbe steht (männliche Kadenz). Die Verse bekommen dadurch etwas in sich Abgeschlossenes, weil die Hebungen am Versende auf jene am Versanfang prallen. Das verlängert die Lesepausen zwischen den Versen. Am deutlichsten wird das in der ersten Strophe. Jeder Vers enthält einen eigenen Hauptsatz. Dieser Zeilenstil unterstützt zusammen mit dem Metrum die im Text beschriebene Winterstarre, weil die Verse selbst starr sind.

Interessant zu beobachten ist, dass Gottfried Keller diesen Zeilenstil immer weiter aufweicht. Erst sind es Haupt- und Nebensätze, die jeweils in den Versen stehen, dann werden am Schluss von Strophe drei und zu Beginn von Strophe vier die Hauptsätze über die Versgrenzen hinaus geführt. Es kommt zu Zeilensprüngen (Enjambements), die jedoch vom Hebungsschema durch Pausen behindert werden. Erst am Schluss in den letzten beiden Versen kehrt das Gedicht wieder zurück zum Zeilenstil. Auch diese Art des Versbaus korrespondiert mit dem Inhalt. Beim Kontaktversuch der Nixe wird versucht, die Verse durch Enjambements zu verschmelzen. Das eine scheitert am Eis, das andere am Korsett des Metrums.

Dieses Korsett zu durchbrechen, wird noch an anderer Stelle versucht: Ausgerechnet im ersten Vers ist die Verteilung von Hebungen und Senkungen alles andere als eindeutig. Man könnte den Vers entsprechend dem Metrum so lesen: „Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt“, aber eigentlich würde man eher das Wörtchen „ein“ betonen (ebenso in Vers drei), und auch „ging“ versucht eine Betonung an sich zu ziehen, wenn man nach „Flügelschlag“ eine Lesepause macht. Dieses Aufbegehren gegen das Metrum gleich im ersten Vers, der es eigentlich etablieren soll, ist ungewöhnlich. Man kann das interpretieren als Hinweis an den Leser, besonders aufmerksam zu sein, um ihn auf Ungewöhnliches vorzubereiten. Man kann das aber auch so weit interpretieren, dass hier im Metrum des allerersten Verses der Grundkonflikt des Gedichtes ausgetragen wird. Worum geht’s also?

Der Inhalt:
In der ersten Strophe baut Keller vor dem Leser die im Titel versprochene winterliche Nachtszenerie auf. Durch Satzbau und Metrum unterstützt wird das Bild einer leblosen Landschaft gezeichnet, die bereits Vergangenheit ist (Zeitform der Verben). Die Farben sind Weiß (Schnee) und Schwarz (Nacht, Sternenhimmel). Doch in der nächsten Strophe passiert Unglaubliches:

Die Stimme des Gedichtes sieht einen Seebaum wachsen und an ihm klettert eine Nixe hoch. Solche Wesen sind in der Literatur nicht ungewöhnlich, aber dass der Betrachter den Seebaum wachsen sieht und die Nixe nicht hinauf schwimmt, sondern hinauf klettert, lässt eher auf einen Traum schließen, der seine eigene Realität als wahr erscheinen lässt.

Wenn man die ersten zwei Strophen symbolisch sieht, ist es allerdings gleichgültig, wie man Seebaum und Nixe akzeptiert, ob als literarische Wesen oder Traumgestalten. Als Symbol kann die Winterlandschaft für die Außenwelt, die Nixe im See für die Innenwelt stehen oder noch tiefer für Bewusstsein und Unterbewusstsein. Das heißt wir sehen keine Winterwelt mit See, sondern jemanden, dem die Welt kalt und erstarrt vorkommt, der vielleicht depressiv ist, und in seinem Innern oder Unterbewusstsein wachsen Wünsche nach Leben, nach Ausbruch. Die Farbe der zweiten Strophe ist grün.

Das Bild der dritten Strophe wäre also eher ein Blick in den Spiegel oder ins Innere, den das nunmehr genannte lyrische Ich tut. Doch die Farben sind schon wieder Schwarz und Weiß, was bereits die Nichterfüllung seiner Wünsche andeutet.

Am Schluss entpuppt sich das „dünne Glas“ als „harte Decke“, und doch hat die Nixe oder das Aufkeimen der Wünsche nach Ausbruch und Leben bleibenden Eindruck hinterlassen. Das beschwörende „Immer, immer“ und der Wechsel der Zeitform in die Gegenwart deutet an, dass der innere Druck nicht nachlässt. Ob dieser Druck nun Verzweiflung oder Hoffnung zur Folge hat, bleibt offen. Die vielen i-Laute im Schlussvers deuten auf Verzweiflung hin, doch betrachte ich die Alternativen „Immer, immer kommt’s mir in den Sinn!“ und „Nimmer, nimmer geht’s mir aus dem Sinn!“, dann scheint Keller sich zwischen dem Angriff und der Abwehr der Gedanken an die Nixe für die goldene Mitte entschieden zu haben: Liegen kann sowohl zu ruhen als auch zu drücken tendieren.

Um noch mal auf den Einstieg zurückzukommen: Es geht in diesem Gedicht tatsächlich um mehr als eine Winternacht. Die Doppelbödigkeit des Gedichtes macht seinen besonderen Reiz aus. Zum einen schildert es eine märchenhafte Welt, zum anderen eine verbreitete psychologische Konstellation: Wer hat nicht seine geheimen Wünsche, seine Nixe unterm Eis?

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
Nutzung der Textaussagen auf eigene Gefahr. Den Text zu kopieren und an anderem Orte online zu stellen, birgt Risiken und Nebenwirkungen. Besser ist es, ihn zu verlinken. Adresse: http://www.lyrikmond.de/gedicht-10.php

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Interpretationen im Web:

Die Interpretationen, die ich im Web fand, haben mich nicht besonders überzeugt. Daher ein Google-Books-Tipp:

Bei Gert Sautermeister, Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen beginnt auf Seite 15 eine Interpretation des Gedichtes Winternacht. Leider endet die Leseprobe vor Abschluss der Interpretation, aber bis dahin wird schon einiges über meine Interpretation hinaus geboten.